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Aktuelle Nachrichten und Berichte der VR AgrarBeratung AG

Landwirtschaftliche Kredite in Genossenschaftsbanken

In vielen Genossenschaftsbanken stellt das Kreditgeschäft mit landwirtschaftlichen Betrieben einen wichtigen Erfolgsfaktor dar. Doch Anforderungen aus der MaRisk an die Risikobewertung oder Stresstests werfen viele Fragen auf. Gleichzeitig bleibt natürlich die Frage, wie es mit der Landwirtschaft in Deutschland weitergeht und welche neuen Herausforderungen dabei auf die Kreditinstitute zukommen werden.

Dieser Artikel ist erschienen in der März-Ausgabe der "Bankinformation". Ein Fachbeitrag von Franziska Korves (Bereichsleiterin Wert) und Arne Helweg (Bereichsleiter Broker)

Die Landwirtschaft ist in aller Munde: Tierwohl, Pflanzenschutz, Düngung und Treibhausgasausstoß in der Agrarbranche stehen immer wieder im Fokus der medialen Berichterstattung. Die Initiative „Landschaft Verbindung“ ruft erfolgreich und öffentlichkeitswirksam zu Protesten auf. Hunderte Traktoren bewegen sich durch deutsche Innenstädte und machen so auf die Sorgen und Nöte der Agrarbranche aufmerksam. Viele Landwirte sehen in dem neuen Agrarpaket der Bundesregierung eine Gefährdung ihrer wirtschaftlichen Grundlage, denn eine strengere Düngeverordnung sowie höhere Auflagen beim Pflanzenschutzmitteleinsatz machen es den Betrieben nicht einfacher. In der GuV erhöhen sich teilweise massiv die Kosten, beispielsweise weil Gülle teuer in andere Gebiete transportiert werden muss oder am Betrieb neue Lagerbehälter errichtet werden müssen.  Auf der anderen Seite stehen aber auch diese Zahlen und Fakten: Mit einer Bruttowertschöpfung von 23,1 Mrd. Euro bleibt die Landwirtschaft in Deutschland nach wie vor ein wichtiger Wirtschaftsbereich. Doch nicht nur die politischen Diskussionen haben Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit der Betriebe und damit schlussendlich auch auf die Kapitaldienstfähigkeit der Kreditnehmereinheiten.

 

Kreditgeschäft in den Genossenschaftsbanken

Insbesondere in ländlich geprägten Regionen nehmen die Agrarkredite einen erheblichen Anteil des Kreditvolumens ein. Nicht selten bilden in diesen Volks- und Raiffeisenbanken die Landwirte die größte Branche im Kreditgeschäft. Mit ihren Investitionen tragen die Landwirte zum Teil erheblich zum Kreditwachstum der Banken und Sparkassen bei. Betrachtet man die Entwicklung landwirtschaftlicher Betriebe, so ist festzustellen, dass Größe, Komplexität sowie die Anforderungen an die Betriebsleiter stetig steigen. Dieser Strukturwandel in der Landwirtschaft wirkt sich auch auf den Bankensektor aus. Denn Wachstumsschübe erfolgen in kürzeren Zeitabständen und gleichzeitig in größerem Umfang. Die Zunahme für Investitionen in moderne Produktionstechniken und der Ausbau neuer Betriebsstrukturen muss primär fremdfinanziert werden.

Landwirtschaftliche Kreditnehmer unterscheiden sich aufgrund einiger Besonderheiten der Agrarbranche zum Teil erheblich von anderen Kreditnehmergruppen. Gründe hierfür bestehen in erster Linie darin, dass landwirtschaftliche Betriebe traditionell über einen umfangreichen Grundbesitz verfügen. Da die Bodenwerte als Grundschuld für die Verbindlichkeiten haften können, wurde das landwirtschaftliche Kreditgeschäft in der Vergangenheit häufig als risikoarm dargestellt. Das Agrarkreditgeschäft ist von einer geringen Ausfallwahrscheinlichkeit geprägt. Gleichzeitig unterliegt die Agrarbranche aber auch besonders der Volatilität der Märkte. Preise für zum Beispiel Weizen, Kartoffeln oder Milch schwanken sehr viel erheblicher als die Verkaufsmargen eines Maschinenbauers oder Handwerkbetriebes.

 

Die Märkte beobachten

Angesichts der Tatsache, dass Agrarprodukte eine hohe Volatilität aufweisen, wird es für Genossenschaftsbanken in Zukunft immer wichtiger, die mitunter umfangreichen Märkte für Agrargüter stärker zu beachten. Und auch ferner vor dem Hintergrund der MaRisk in ihrer Risikoinventur zu berücksichtigen.

Blickt man auf das zurückliegende Jahr 2019, so war dieses in erster Linie geprägt durch einen weiteren heißen und trockenen Sommer mit oftmals ausbleibenden Niederschlägen. Die Auswirkungen waren zwar nicht so gravierend wie im Vorjahr 2018, dennoch macht die Trockenheit vielen Betrieben zu schaffen. Ackerbaubetriebe konnten weniger Mais oder kleinere Kartoffeln ernten. Milchviehbetriebe und Schweinehalter haben angesichts hoher Temperaturen mit einer geringeren Milchleistung Ihrer Herde oder einem geringeren Wachstum ihrer Schweine zu kämpfen. Die Grundfutterproblematiken belasten zusätzlich. Zum einen sind die Futterqualitäten oftmals nicht gegeben, sodass dies wieder Auswirkungen auf die Leistung der Tiere hat und zum anderen reicht der Eigenanbau der Betriebe wegen der erschwerten Wachstumsbedingungen nicht aus, um die nötigen Mengen zu produzieren. Folglich steigen die Einkaufspositionen in den Gewinn- und Verlustrechnungen der Agrarbetriebe weiter an.

Aber auch Weltmarkteinflüsse prägen die regionalen Betriebe. Erhielten Schweinemäster im Januar 2019 noch 1,36 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht für ihre Schweine, so konnte der Preis im Dezember 2019 bis auf 2,02 Euro je Kilogramm steigen. Der Grund lag jedoch nicht im heimischen Markt begründet, vielmehr ist die Schweineseuche ASP (Afrikanische Schweinepest) dafür verantwortlich. Insbesondere in China wurden nach Schätzungen bis zu 40% der Schweine und Sauen von der ASP befallen. Das sorgte dafür, dass die Schweinefleischproduktion in dem Land zu großen Teilen zum Erliegen kam. Europäische Vermarkter exportierten insbesondere in der zweiten Jahreshälfte große Mengen nach Fernost.

Angesichts der vielen Markteinflüsse und der steigenden Anforderungen in der Risikobewertung der Volks- und Raiffeisenbanken, wird es immer wichtiger, die Märkte und Teilmärkte zu beobachten. Dadurch können Risiken frühzeitig erkannt werden und entsprechende Reaktionen können schneller erfolgen.

 

Politische Rahmenbedingungen und die Auswirkungen auf das Agrarkreditgeschäft

Doch nicht nur die Märkte machen den landwirtschaftlichen Betrieben zu schaffen und beeinflussen die Bilanzen positiv und negativ. Die aktuelle Debatte in Politik und Gesellschaft sollte auch von den Kreditinstituten mit einem hohen landwirtschaftlichen Kreditengagement nicht außer Acht gelassen werden. Verbraucher stellen höhere Anforderungen an Tierwohl und Lebensmittelsicherheit als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig lassen sich mit höheren Tierwohlstandards an der Supermarktkassen nicht immer höhere Margen erzielen. Für Nahrung, Getränke und Genussmittel geben deutsche Verbraucher im Schnitt 14 % ihres Nettoeinkommens aus. 1900 waren es noch 55 %. Umwelt- und Klimaschutz stellen zusätzliche Anforderungen, die viele Landwirte nicht mehr bereit sind mitzugehen. Daraus erwuchs unter anderem die Initiative „Landschaft Verbindung“, die derzeit mit Traktoren und weiteren Protestveranstaltungen auf ihre Lage aufmerksam macht.

Doch was bedeutet das für das Agrarkreditgeschäft der Volks- und Raiffeisenbanken tatsächlich? Ist mit einer großen Welle an Betriebsaufgaben und Insolvenzen bei landwirtschaftlichen Höfen zu rechnen?  Wird am Ende doch alles halb so heiß gegessen wie gekocht?

Sicher ist, dass das Agrarpaket die Gewinn- und Verlustrechnungen der Agrarbetriebe beeinflussen wird und damit einen Einfluss auf die Kapitaldienstfähigkeit der Kreditnehmer haben wird. Besonders in den sogenannten roten Gebieten, die von einer massiven Düngereduzierung betroffen sein werden, werden die Betriebe vor Herausforderungen gestellt. Für Viehhalter heißt das künftig mehr Gülle in andere Gebiete transportieren zu müssen, was angesichts der Preise für den Gülletransport zu nicht unerheblichen Kosten führen wird. Ackerbaubetriebe in den Regionen werden mit weniger Nährstoffen nicht die Erträge der Vergangenheit erzielen können. Die pflanzengerechte Düngung wird für viele Kulturen nicht mehr gewährleistet sein können. Auflagen für Pflanzenschutz werden zudem zu geringeren Ernten oder aber zu erhöhten Kosten für Pflanzenschutzmittel auf mittlere Sicht führen. Für kleine und wirtschaftlich schwache Betriebe wird sich unausweichlich die Frage stellen, ob der eigene Hof in der Form noch bewirtschaftet werden kann und soll.

Gleichzeitig werden solide und zukunftsfähige Betriebe aber auch einen höheren Investitionsbedarf haben. Neue Maschinen, beispielsweise zur effizienteren Gülleausbringung, oder aber Umbaumaßnahmen an den Stallgebäuden führen zu Kreditnachfragen und Investitionen.

Trotz aller Debatten über Lebensmittelerzeugung und Tierschutz und trotz aller Debatten über die Sorgen der Landwirtschaft: Auch in Zukunft werden qualitativ hochwertige Lebensmittel in Deutschland produziert werden. Trotz dieser Debatten und Sorgen wird es nach allgemeiner Einschätzung auch künftig möglich sein, mit Ackerbau und Viehzucht in Deutschland Margen und Gewinne zu erzielen. Mit Ausnahme der europäischen Nachbarn produzieren wenige Länder nach den von deutschen Verbrauchern geforderten Maßstäben. Wie die EU-Kommission prognostiziert, wird es zu Marktbereinigungen kommen, darin stecken auch Chancen für die heimischen Agrarbetriebe. Blicken wir nur auf die Prognose zum Milchmarkt. Der Milchviehbestand soll bis zum Jahr 2030 in Europa um gut 6 % zurückgehen. Gleichzeitig aber zeigen Produktionssteigerungen von gut 1,2% je Kuh, dass die absolute Milchmenge etwas steigen wird. Insbesondere die Betriebe, die jetzt und in den vergangenen Jahren investiert haben, werden von dieser Entwicklung profitieren, wenn die Rahmenbedingungen auf den Betrieben selber stimmen.

Dazu gehört zum einen eine ordentliche Finanzierung mit ausreichender Liquidität, aber viel wichtiger erscheint in dieser Zeit, die Fähigkeit und Kompetenz des Betriebsleiters zu sein. Herden und Felder müssen mit dem nötigen Maß an Fokussierung auf die wesentlichen Einflussfaktoren bewirtschaftet werden. Denn auch bei Schweinepreishochs von 2,02 Euro/kg, nützt es dem Betrieb und seiner Kapitaldienstfähigkeit nicht, wenn nicht alle Produktionsfaktoren hinsichtlich Gewichtszunahme und Auslastung stimmen.

 

Was heißt das für das Agrarkreditgeschäft

Die Volatilität der Märkte wird bleiben und die gesellschaftliche Debatte über die Landwirtschaft und landwirtschaftliche Erzeugung wird gerade in Zeiten von „Fridays for Future“ nicht abebben. Volks- und Raiffeisenbanken werden sich in den kommenden Jahren insbesondere in der Kreditüberwachung und der Betreuung ihrer landwirtschaftlichen Engagements verstärkt mit den politischen und marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen auseinandersetzen müssen. Die Ausstattung der Betriebe mit Liquidität wird genauso wichtig bleiben und werden, wie eine passende Finanzierung der Investitionen. Auf die Kompetenz des Betriebsleiters wird es bei strengeren Umweltauflagen und der Weiterentwicklung der Produktion maßgeblich ankommen.

Gleichzeitig stellen sich auch an die Beleihung neue Anforderungen. Ist es in einigen Genossenschaften noch üblich und zumeist auch ausreichend „nur“ Grund und Boden zu bewerten, wird es bei der Kreditentscheidung und Kreditüberwachung immer wichtiger werden auch die landwirtschaftlichen Gebäude fachgerecht zu bewerten. Tierschutzstandards in Schweine- und Rindviehställen, Anforderungen an Güllebehälter oder zukunftsweisende Lagerstätten für Kartoffeln werden auf die Marktpreise im Falle einer Veräußerung zunehmend ein wichtiges Kriterium sein – nicht nur was den Preis angeht, auch was die Frage angeht, ob es überhaupt einen Käufer oder Pächter für die Anlagen geben wird.

Markt- und Wettereinflüsse werden in den kommenden Jahren die Wirtschaftlichkeit der Agrarbetriebe beeinflussen, stärker noch als das Agrarpaket. Darum werden Volks- und Raiffeisenbanken neue Instrumente in ihrem Geschäft mit den Agrarkunden platzieren. Die Dürreversicherungen, die immer mehr an Nachfrage gewinnen gehören dazu genauso, wie die Möglichkeit der börslichen Preisabsicherungen beispielsweise für die Milchgeldabrechnung, den Einkauf von Futtermitteln oder der Vertrieb und die Lagerung von Kartoffeln.

Fazit bleibt: mit Agrarkrediten können Genossenschaftsbanken auch in den kommenden Jahren Erträge erzielen und ihr Risiko, wenn es richtig bewertet wird und die Kreditnehmer kompetent betreut werden, überschaubar halten.

Aktuelle Informationen zu Covid-19

Die aktuelle Situation stellt viele Betriebe - ob landwirtschaftlich oder nicht - vor großen Herausforderungen. Auch wir suchen neue Wege, wie wir trotz aller Beschränkungen und Sicherheitsmaßnahmen Ihnen weiterhin zur Seite stehen können. Sie erreichen uns wie gewohnt telefonisch und per E-Mail. Aber auch neue Wege stehen für Beratungen zur Verfügung, so können wir beispielsweise eine Videokonferenz schalten, damit wir auch weiterhin an Ihren Zielen arbeiten können und darüber ins Gespräch kommen. Für Beleihungswertermittlungen erlaubt die Bafin ausdrücklich die Besichtigung über Video - darum können wir auch bei diesen Verfahren weiterhin einen kompetenten und schnelle Service bieten.

Bis dahin: Bleiben Sie gesund! 

Tel.: 05908 80 440 0 (Zentrale)
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